Die Autorin Judith Keller, aufgewachsen in Altendorf, erhält einen Werkbeitrag für Ihr Schaffen. Bild Ayse Yavas
Die Autorin Judith Keller, aufgewachsen in Altendorf, erhält einen Werkbeitrag für Ihr Schaffen. Bild Ayse Yavas

Literatur

Auszeichnung für Judith Keller und drei weitere Schreibende

Die Ausschreibung der aktuellen Zentralschweizer Literaturförderung im vergangenen Jahr hat mehr als 30 Autorinnen und Autoren veranlasst Texte einzureichen, darunter auch zahlreiche, die noch nie publiziert haben. Die Fachjury zeichnet vier der anonym eingegangenen Texte aus: Judith Keller (Zürich/Altendorf, SZ) und Thomas Heimgartner (LU) sowie Gabriela Wild (LU) und Peter Zimmermann (NW).

Die fünfköpfige Fachjury unter Leitung der Verlegerin Anne Rüffer zeichnet vier der anonym eingegangenen Texte aus: Judith Keller (Zürich/Altendorf, Kanton Schwyz) und Thomas Heimgartner (Luzern, Kanton Luzern) erhalten einen Werkbeitrag von je 15 000 Franken, Gabriela Wild (Luzern, Kanton Luzern) und Peter Zimmermann (Bern/Buochs, Kanton Nidwalden) je einen von 10 000 Franken. Die Literaturförderung wird alle zwei Jahre von den sechs Zentralschweizer Kantonen gemeinsam ausgeschrieben.

 

Träumend, schwebend, skurril, versponnen

So präsentiert sich die Textsammlung der Autorin Judith Keller (geb. 1985, wohnhaft in Zürich, früher in Altendorf). Manchmal ziehen sich die Sätze über eine Seite, manchmal sind es nur wenige Zeilen oder gar nur eine, mit denen die Autorin – wie sie es selbst formuliert – «die Freiheit der Fantasie in Gang setzen will». Und als geübte Leserin oder als lesender Anfänger kann man kaum anders, als sich auf diese Sätze einzulassen und staunend dabei beobachten, wie sich im eigenen Kopf eine neuer Kosmos entfaltet. Wie zum Beispiel durch diese Beispiele: Ein Anliegen: «Auf der Dating-Plattform reagieren die Frauen positiv auf ihn. Erst nachdem er ihnen ein extra für sie angefertigtes Liebesgedicht geschickt hat, beginnen sie, sich unauffällig aus dem Staub zu machen. Es bleibt ihm ein Anliegen, für das geliebt zu werden, was er am besten kann.» Oder: Jane: «Jane, die beim Hinflug sechs Stunden geschenkt bekommen hat, gab sie beim Rückflug wieder zurück. Sie liebt es, zu kürzen.» Oder: Das Gerücht: «In einem Hinterhof in Kos sind um die Stämme der Bäume dicke Ketten aus geflochtenem Eisen gelegt. Das Gerücht geht um, man hätte sie bei Mondschein über den Hof gehen sehen, dann durch das wilde Gelände des archäologischen Museums, dem dunklen Meer entlang, mit den fein gekräuselten Alleen bis zur Absperrung des Fussweges vor dem Militärgebiet. Dort seien sie umgekehrt.» Judith Keller gelingt es, in dieser an Knappheit kaum zu übertreffenden Weise lebendige Bilder entstehen zu lassen, die noch lange nachhallen.

 

Die weiteren Preisträger

Thomas Heimgartners (geb. 1975, wohnhaft in Luzern) Erzählung «Ping» ist raffiniert komponiert – ein Kabinettsstückchen, in dem zwei Geschichten auf wahrlich spielerische Weise verwoben werden: die Geschichte von Annäherung übers Tischtennis im Wendejahr 1989 und die Geschichte einer Vater-Tochter-Beziehung aus der Ferne von 36 Jahren und 9000 Kilometern. Die literarische Verarbeitung des «Pingpong», des Tischtennis, ist sprachlich dicht und zeigt auf, dass jedes Thema literarisch ergiebig wird aufgrund eigenständiger und genauer sprachlicher Ver-arbeitung. Um es an einem Beispiel zu zeigen: Die Beschäftigung mit dem Stolperrhythmus, welcher durch den aufschlagenden Ball entsteht, und der zur Metapher für den Herzschlag wird, hebt das Thema gekonnt und sensibel auf eine literarische Ebene. Um das Spiel bildet sich ein Soziotop, das komplex entwickelt wird, langsam, aber stetig, und das vielseitige Aspekte menschlicher Interaktion darstellt: Zwischen Jugendlichen im «Rundlauf», Zuschauerinnen, noch nicht Teilnehmenden, Figuren, die vorerst geheimnisvoll bleiben, zwischen Tochter und abwesendem Vater … Meisterhaft in Komplexität und Subtilität der Darstellung, die vieles offenlässt und die Leserinnen gerade dadurch fesselt und zur inneren Mitgestaltung des Textes einlädt. Ein gelungener Resonanzraum! Zeitgeschichte und die Sprache selbst sind zwei der vielen Themen, die im Text ihre Rolle spielen, stets in diesem klar gesetzten Duktus, der Heimgartners Text auszeichnet. Ein Personalstil, der auf-horchen lässt, ein Zweiseitenspiel im sportlichen und ein Zweisaitenspiel im seelischen Sinne.  

 

In einem dreiteiligen Text konzentriert sich Gabriela Wild (geb. 1976, wohnhaft in Luzern) auf drei miteinander verbundenen Protagonistinnen: die 1975 geborenen Wilma, eine Lehrerin, die in einem Heim für geflüchtete Menschen arbeitet und sich in den Tschetschenen Tamerlan verliebt, ihre 1945 geborenen Mutter Louise, die aufgrund schwerer Psychosen wiederholt in einer psychiatrischen Klinik lebt, und schliesslich der im Jahr 2000 geborene Lou-Lianka, Tochter von Wilma und Tamerlan, die sich mit ihrer komplizierten Familiengeschichte und mit Fragen nach ihrem Vater, ihrer Herkunft und ihrer Zukunft auseinandersetzen muss. Vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs gewinnen diese Fragen für die junge Frau an Dringlichkeit. Die Autorin widmet diesen Frauen jeweils einen Teil ihres Romans. Die Autorin widmet diesen Frauen jeweils einen Teil ihres Romans. So verschieden die Protagonistinnen auch sind, was die Autorin durch unterschiedliche Erzählperspektiven und individuell ausgearbeitete Erzählstimmen anschau-lich zu vermitteln versteht, so verbunden ist ihre gemeinsam, nach und nach aufgedeckte Geschichte. Dabei spielen Generationen überschreitende Traumata ebenso eine Rolle wie die Fragen nach den Spielräumen eines selbstbestimmten Lebens und den Möglichkeiten autonomer Entscheidungen. Gabriela Wild präsentiert ein stilistisch durchgearbeitetes Debüt, das durch thematische Relevanz und literarische Gestaltung überzeugt. Die Autorin weiss ihren komplexen Erzählstoff souverän und dramaturgisch wirkungsvoll zu organisieren. Ihre Leserinnen und Leser dürfen gespannt sein auf einen Roman, dessen Erscheinen hoffentlich nicht allzu lange auf sich warten lässt.

 

Die zwei Romankapitel des Buochser Schriftstellers Peter Zimmermann (geb. 1972, wohnhaft heute in Bern, früher in Buochs) spielen im fiktiven Ort Gerschen in der Innerschweiz in den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Die erzählte Zeit spielt an einem einzigen Tag, nämlich am Freitag, den 22. Juni. Es wird aus der Perspektive von sechs Personen, deren Schicksale miteinander verknüpft sind, erzählt. Schauplatz ist mehrheitlich das Gymnasium in Gerschen. Dort verliebt sich der ver-heiratete Histori-ker und Prorektor Baumann in eine Lehrerkollegin, die Affäre und auch der ganze Schulbetrieb ent-gleiten ihm zusehends: Politisch von der 68er-Bewegung geprägt, gerät er immer tiefer in einen Stru-del von Lügen und Verstrickungen. Dabei verliert er nicht nur sich, sondern auch seine ethischen und politischen Überzeugungen. Unweigerlich bahnt sich eine Tragödie an. Die Romanfiguren werden treffend charakterisiert, assoziative Gedanken paaren sich mit Erinne-rungsfetzen. Zahlreiche innere Monologe machen die Lektüre auch atmosphärisch interessant. Es geht um verlorene Träume, um Einsamkeit und auch darum, wer letztlich das Sagen hat in einem Dorf mitten in der Schweiz. Die Jury zeigte sich beeindruckt von einem Text, der durch die interessante, spannungs- und kon-fliktgeladene Anlage eines Gesellschaftsromans die Lesenden sofort in Bann zieht und sich dabei durch einen akkurat, satirisch-pointierten Schreibstil auszeichnet. Die eingereichte Textpassage ist gelungen und macht neugierig auf den Roman. 

 

Die Jury der Zentralschweizer Literaturförderung 2023/2024 stand unter der Leitung von Anne Rüffer (Autorin/Verlegerin). Ihr gehörten ausserdem an: Ina Brueckel (Lektorin und Literaturvermittlerin), Christine Eggenberg (Bibliothekarin/Dozentin), Pius Strassmann (Lyriker/Musiker) sowie Marc von Moos (Gymnasiallehrer/Präsident Thomas Mann Gesellschaft Zürich). 

 

pd

 

Autor

SchwyzKulturPlus

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Kategorie

  • Literatur

Publiziert am

25.01.2024

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