Dies & Das
Bundesbriefmuseum: Vom Nationaldenkmal zum Museum
Das Bundesbriefmuseum beherbergt das wohl wichtigste historische Dokument der Schweiz und hat auch selbst eine spannende Geschichte.
Das Bundesbriefmuseum in Schwyz ist ein aussergewöhnliches Museum. Hier wird nicht nur Geschichte vermittelt, hier wurde auch Geschichte gemacht. Konzipiert als Nationaldenkmal, wurde das Museum während des Zweiten Weltkriegs zum Ort nationaler Besinnung und zu einem Zentrum der Geistigen Landesverteidigung in der Schweiz. Mittelpunkt des Museums ist der Bundesbrief von 1291. Diese unscheinbare Pergamenturkunde hat in der jüngeren Schweizer Geschichte eine einzigartige Rolle gespielt. Lange Zeit galt sie als Gründungsdokument der Schweiz, als historischer Anfangspunkt und Ursprung aller Schweizerinnen und Schweizer. Diese Vorstellung einer gemeinsamen Herkunft hatte im 19. Jahrhundert grosse gesellschaftliche und politische Bedeutung. Sie stärkte nämlich das nationale Gemeinschaftsgefühl im noch jungen Bundesstaat. Denselben Zweck verfolgte auch die 600-Jahr-Feier der Gründung der Eidgenossenschaft. Diese nationale Jubiläumsfeier sollte den Schweizerinnen und Schweizern ihre gemeinsamen Wurzeln vor Augen führen und den Zusammenhalt im Land fördern.
Ein Nationaldenkmal in Schwyz
Austragungsort dieser grossen und wichtigen Feier war nicht etwa Bern, sondern das Rütli und Schwyz. Das war nicht selbstverständlich. Denn Schwyz hatte die Errichtung eines Bundesstaates bekämpft und sich schwergetan mit der Integration. Dass nun gerade Schwyz Gastgeber für einen so bedeutenden nationalen Anlass wurde, war wegweisend. Die Feier trug zur nationalen Einigung bei und half, Schwyz mit dem Bundesstaat zu versöhnen. Anlässlich der Feierlichkeiten im Jahr 1891 schlug der Bundesrat vor, ebenfalls in Schwyz ein Nationaldenkmal zu errichten, das an die Gründung der Eidgenossenschaft im Jahr 1291 erinnern sollte. 1909 wurde ein Wettbewerb für ein solches Nationaldenkmal ausgeschrieben. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 liess die Verantwortlichen das Projekt dann aber bis auf Weiteres verschieben. Erst 1928 zeichnete sich eine Wiederbelebung und Ergänzung der Nationaldenkmalidee ab. Das Denkmal sollte einerseits an die Gründung der Eidgenossenschaft erinnern und den Bundesbrief von 1291 beherbergen, andererseits auch Platz bieten für das Staatsarchiv des Kantons Schwyz. 1933 wurde darum ein Wettbewerb für ein «Bundes- briefarchiv» ausgeschrieben.
Nationaler Besinnungsort
Sieger des Wettbewerbs war der Architekt Josef Beeler. Sein Vorschlag war ein nationaler Besinnungsort, eine «weltliche Kathedrale», wo auf dem «Altar des Vaterlandes» die Gründungsurkunde der Schweiz, der Bundesbrief von 1291, präsentiert wurde. Das Bundesbriefarchiv war kein Museum im heutigen Sinn, sondern diente der Sichtbarmachung und Vermittlung von Werten. Anlässlich der Eröffnungsfeierlichkeiten am 1. und 2. August 1936 sprach Landammann Bettschart das Gebäude in seiner Rede direkt an: «Öffne weit deine Tore, auf dass unser gesamtes Volk zu dir ströme. Hier soll es seine Einsicht schärfen in die Notwendigkeit des Staates, hier soll es seinen Glauben stärken an die Kraft wahrhafter Volksgemeinschaft, und bei dir soll das Volk den überragenden Wert des eigenen Vaterlandes anerkennen, das jeder von uns immerdar mit Gut und Blut zu verteidigen bereit ist.» Hier kommt der Zeitgeist der 1930er-Jahre zum Ausdruck, der Form und Funktion des Bundesbriefarchivs geprägt hat. In der sehr angespannten, politisch und wirtschaftlich unsicheren Zeit vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs entstand in der Schweiz die sogenannte Geistige Landesverteidigung. Ihr Ziel war es, die Freiheit, Demokratie und Unabhängigkeit der Schweiz gegen das totalitäre national-sozialistische Regime zu verteidigen.
Das Geschichtsbild der Geistigen Landesverteidigung vermittelte ein Bild der Schweiz, die seit Jahrhunderten ihre Freiheit verteidigt und sich gegen Unterdrückung aller Art zur Wehr setzt. Von besonderer Bedeutung war der Bundesbrief von 1291. Er galt während der Geistigen Landesverteidigung als Beweis für die Widerstandsfähigkeit und Wehrbereitschaft der Schweiz, die ihre Unabhängigkeit auch in Zeiten von Not und Gefahr verteidigen kann. Angesichts der bedrohlichen Entwicklungen in ganz Europa in den Dreissigerjahren war das eine wichtige Botschaft. Der Bundesbrief war ein Symbol für die Souveränität und Stärke der Schweiz und wurde als Nationalheiligtum verehrt. Deutlichstes Zeichen für seine grosse Bedeutung in jener Zeit ist das Bundesbriefarchiv selbst: Es war in erster Linie für den Bundesbrief gebaut worden, für ein einziges Stück Pergament also, das knapp 320 × 200 mm misst.
Von der Kathedrale zum Museum
Das Bundesbriefarchiv wurde wegen des Bundesbriefs zum Zentrum der Geistigen Landesverteidigung in der Schweiz. Hier fand 1941 die 650-Jahr-Feier der Schweiz statt, bei der mitten im Zweiten Weltkrieg militärische Stärke und Wehrfähigkeit demonstriert wurden. Im Rahmen dieser Feierlichkeiten wurde im Park des Museums die Statue «Wehrbereitschaft» aufgestellt. Sie zeigt einen kampfbereiten Bürger, der aufbricht, um sein Land zu verteidigen. In den Granitsockel ist der Text des Bundesbriefes in allen vier Landessprachen eingemeisselt. Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass der Bundesbrief das Fundament der schweizerischen Wehrbereitschaft ist. In den folgenden Jahrzehnten veränderten sich Aufgabe, Wahrnehmung und Selbstverständnis des Bundesbriefarchivs. 1992 wurde es in Bundesbriefmuseum umbenannt. Doch nicht nur dem Namen nach änderte es seine Funktion. Wo einst die nationale Identität beschworen wurde, werden heute die Geschichte der Alten Eidgenossenschaft und des Bundesbriefs erklärt sowie der Umgang mit nationaler Geschichte thematisiert. Nicht zuletzt geht es auch um die Geschichte des Museums selbst, um seine Entwicklung vom nationalen Besinnungsort zum historischen Museum und um die Frage, wie sehr das Geschichtsbild die Selbstwahrnehmung eines Landes und seiner Bevölkerung prägt.
Bote der Urschweiz / Annina Michel
Hinweis:
Der Kanton Schwyz hat viele historische Stätten, die neben Berühmtheiten wie der Gesslerburg, dem Kloster Einsiedeln oder dem Tierpark Goldau beinahe untergehen. Denn viele Orte und Gebäude im Kanton Schwyz sind weniger bekannt, verfügen über keine auffällige Architektur, werden nicht mit spektakulären Ereignissen verbunden und sind doch geschichtsträchtig. Die Sommerserie des Staatsarchivs «Geschichtsträchtig! Orte und Gebäude, die Geschichte(n) machten» widmet sich sol
chen Stätten, ihrer Geschichte und vorallem den Geschichten, die sie erzählen – und das bis in die Aktualität hinein.
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Bote der Urschweiz
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