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Das drohende Aus der Bibliothek rückt näher

Kommt bis Ende Jahr keine Anschlussfinanzierung zustande, droht der renommierten Werner Oechslin Bibliothek in Einsiedeln das Aus. Während im September Kündigungen ausgesprochen werden sollen, bleibt ein letzter Funke Hoffnung.

Die Lage der Bibliothek Werner Oechslin in Einsiedeln hat sich seit den Warnungen vor zwei Jahren nicht stabilisiert. Nach Angaben von Stiftungsratspräsident Werner Oechslin sollen den verbliebenen Mitarbeitenden im September die Kündigungen auf Ende Jahr ausgesprochen werden. Kommt bis dahin keine tragfähige Lösung zustande, endet der reguläre Bibliotheksbetrieb am 31. Dezember. Die Stiftung selbst soll weiter bestehen. Ohne Personal könnte sie ihren Zweck – den Bestand zu erhalten, wissenschaftlich zu bearbeiten und zugänglich zu machen – jedoch nur noch sehr eingeschränkt erfüllen. «Es ist ein letztes Aufbäumen», sagt Oechslin.

 

Personal auf dem Minimum

Eine Mitarbeiterin hat die Bibliothek bereits verlassen. Die bezahlte Arbeit verteilt sich laut Oechslin noch auf vier Personen mit zusammen 230 Stellenprozenten. Hinzu kommt der 81-jährige Gründer selbst, der weiterhin unentgeltlich arbeitet. Dieses kleine Team trägt Bibliotheksbetrieb, Katalogisierung, Forschungsbetreuung, Administration, Publikationen, Veranstaltungen und die Sorge für das Gebäude.

Der Vergleich zeigt, wie weit der Betrieb bereits zurückgefahren wurde: Anfang 2024 standen 380 Stellenprozente zur Verfügung. Die damals geplante Verbundlösung hätte einen Ausbau auf 1100 Stellenprozente ermöglicht, unter anderem für den Abschluss der Katalogisierung sowie für eine Direktion und eine wissenschaftliche Leitung. Die Bibliothek mit weltweitem Ansehen hätte in Einsiedeln aufblühen können. Davon ist die Stiftung heute weiter entfernt denn je. Ein Betrieb auf kleinstem Niveau könnte nach Oechslins Einschätzung höchstens Zeit gewinnen. Dauerhaft lasse sich weder die Unterdotierung noch eine zu tiefe Entlöhnung verantworten. Trotzdem läuft das wissenschaftliche Programm Nach aussen wirkt die Bibliothek weiterhin erstaunlich aktiv. Im April fand das 14. Architekturtheoretische Kolloquium statt, im Juni der 25. Internationale Barocksommerkurs. Die Ausstellung «St. Peter in Rom» ist noch bis Ende April 2027 angekündigt. Am 4. September folgen unter dem Titel «Armarium / Giornata» eine Buchvernissage und die Eröffnung einer Ausstellung mit Arbeiten von Sabine Tholen, Markus Kummer und Martin Linsi. Am 22. November findet eine Führung für den Schwyzerischen Heimatschutz statt. Und am 25. November wird im Rahmen der Jahresversammlung des Vereins der Freunde das Buch zur St.-Peter-Ausstellung vorgestellt und durch Vorträge gerahmt.

Für Oechslin sind diese Anlässe kein Nebenprogramm. Eine Forschungsbibliothek lebe davon, dass ihr Bestand benutzt, diskutiert und in neue Arbeiten überführt werde. Es sind weitere Publikationen, insbesondere in unserem Programm von Quellenedition, in Vorbereitung.

Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats übernehmen mehr Verantwortung: Jens Niebaum beim Barocksommerkurs und Andreas Nierhaus beim architekturtheoretischen Kolloquium. Damit versucht die Stiftung, ihre wissenschaftlichen Formate über Oechslin hinaus abzustützen.

Die gescheiterte Verbundlösung wirkt nach Der unmittelbare Hintergrund liegt im Jahr 2024. Der Schwyzer Regierungsrat beantragte für die Jahre 2025 bis 2028 jährlich 600’000 Franken. Der Beitrag war Teil einer Verbundlösung mit einem Gesamtbudget von rund zwei Millionen Franken pro Jahr; beteiligt sein sollten auch Bund, ETH Zürich, Hochschule Luzern und Bezirk Einsiedeln. Die vorberatende Kommission unterstützte die Vorlage nach einer zweiten Lesung.

Am 27. Juni 2024 wies der Kantonsrat die Finanzierung mit 54 Nein- gegen 40 Ja-Stimmen zurück. Befürworter bezeichneten die Bibliothek als wissenschaftlichen Leuchtturm und warnten vor ihrem Verlust. Gegner und Skeptiker stellten den Umfang der öffentlichen Finanzierung, die damalige Eigentumsfrage beim Bücherbestand, für den der Noch-Besitzer Vermögenssteurn bezahlt, in Frage. Weil die Beiträge der Partner an eine Gesamtlösung gebunden waren, brach mit dem Schwyzer Entscheid das ganze Modell zusammen.

Diese Abstimmung lässt Oechslin bis heute nicht los. Die tatsächlich erbrachten Leistungen, die wissenschaftliche Arbeit würden kaum je gewürdigt. Stattdessen kritisiere man mangelnde Besucherzahlen; «doch wir sind kein Museum, führen trotzdem Führungen durch und unsere internationalen Kolloquien sind ‹übeflutet›». Allein, was über die Kantonsgrenzen hinaus strahlt, ist einer Mehrheit egal. Hätten acht Ratsmitglieder anders gestimmt, wäre die Mehrheit gekippt. Er, Oechslin, hält es für absurd, dass eine so kleine Verschiebung ein international anerkanntes Projekt stop-pen konnte. Die Interimsvereinbarung mit Kanton und ETH lief Ende 2024 aus. Seit dem 1. Januar 2025 erhält die Stiftung keine öffentliche Unterstützung mehr. Eine private Spende ermöglichte den reduzierten Betrieb bis Ende 2026. Anfang dieses Jahres wandte sich der Verein der Freunde mit einer Petition an Bundesrat und Bundesversammlung. Eine tragfähige Anschlussfinanzierung ist daraus bisher nicht entstanden. Kaufangebote aus Amerika und Hongkong Oechslin führt nach eigenen Angaben Gespräche mit Personen, Institutionen und anderen Bibliotheken in mehreren Ländern. Manche könnten Geld geben, andere kämen als institutionelle Partner infrage. Konkrete Zusagen gebe es aber nicht. Gleichzeitig lägen Kaufangebote vor, eines aus Amerika und eines aus Hongkong. Dort würde man den Bestand nach seiner Darstellung sofort übernehmen. Namen, Preise oder Bedingungen nennt er nicht.

 

Priorität bei Zusammenhalt der Bücher

Ein Verkauf ist für ihn nicht das angestrebte Ergebnis. «Priorität ist der Zusammenhalt der Bücher und deren wissenschaftliche Nutzung», sagt Oechslin. Erst danach folgt der Standort. Gerade darin zeigt sich, wie stark sich seine Haltung verändert hat. Noch im August 2024 sagte er: «Einsiedeln passt zu uns, und wir passen zu Einsiedeln.» Heute erklärt er, nach den Absagen in Kanton und Bezirk fühle er sich nicht mehr verpflichtet, die Sammlung um jeden Preis in Einsiedeln zu halten.

Sein Ärger ist auch biografisch begründet. Oechslin verweist auf sein Engagement für Einsiedeln seit den 1960er- und 1970er-Jahren, als alles mit der Unterschutzstellung des Chärnehus mit Hilfe des damaligen Notars in Fahrt kam, ein kleines Grüppchen AGERE aktiv wurde und ein Mitglied Einsitz im Bezirksrat nahm. Oechslin gab Volkshochschulvorträge und weibelte für das «Dorf im Schatten des Klosters». Es floss alles ein in die beiden zusammen mit seiner Frau Anja Buschow verfassten Bände der Kunstdenkmäler zu Einsiedeln, die als Jubiläumsbände 100/101 – nach Band 1 von Linus Birchler – von der GSK (Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte) publiziert worden sind. Weit zurück, 1973, hatte er mit Kollegen in Einsiedeln und Bregenz die Ausstellung zu den Vorarlberger Barockbaumeistern veranstaltet. Grosse Teile seiner Bibliothek befinden sich seit 1980 in Einsiedeln. 1998 gründeten Werner Oechslin und Anja Buschow Oechslin gemeinsam mit Bezirk, Kanton und der damaligen Avina Stiftung die heutige Stiftung; 2006 wurde nach langen Einsprachen der Bibliotheksbau nach einem Projekt Mario Bottas eröffnet. Dass der Standort nun nicht mehr gesichert ist, empfindet Oechslin als Zurückweisung dieses langjährigen Einsatzes.

 

Ein kleines Fenster

Trotz allem hält Oechslin an einer schmalen Hoffnung fest. Eine kleine Zwischenfinanzierung könnte die Bibliothek noch für begrenzte Zeit offenhalten. Oechslin warnt jedoch vor Illusionen: Ohne raschen Entscheid würde damit lediglich die Schliessung um einige Monate verschoben. Und die entscheidende Frage lautet nicht nur, wo die Bücher künftig stehen. Sie lautet, wer die wissenschaftliche Arbeit trägt, die in dieser Bibliothek erbracht wird.

 

Einsiedler Anzeiger / Lukas Schumacher

 

Autor

Einsiedler Anzeiger

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  • Literatur

Publiziert am

21.08.2026

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