Bühne
Die alte Dame bietet Milliarde in Schwyz
Die Bühne 66 feierte am Samstag mit der Tragikomödie «Der Besuch der alten Dame» Premiere in der Kollegi-Aula.
Schwyz ist Güllen. Güllen ist Schwyz. Zwar heisst das Dorf im diesjährigen Stück der Bühne 66 «Der Besuch der alten Dame» tatsächlich Güllen – schnell merkt man jedoch, dass die Mundartversion von Regisseur Stefan Camenzind im Schwyzer Hauptort spielt. Auch visuelle Elemente führen durch Schwyzer Gassen und Wälder. Güllen ist hoch verschuldet. «Gülle gahd z Loch ab», meint die Gemeindepräsidentin (Jo Reichmuth). Das Bundesbriefmuseum ist zu, das Mythenforum ebenfalls, der Busbahnhof kommt schäbig daher, leise denkt man sogar über eine Fusion mit Ingenbohl nach. Die Kassen von Güllen sind leer geräumt. Lediglich die Suppenanstalt gibt es noch.
Eine Milliarde gegen einen Leichnam
Die einzige Hoffnung sehen die Güllener nun in der ehemaligen Mitbürgerin Claire Zachanassian (Barbara Inderbitzin), die in Güllen als Klärli Wäscher geboren und aufgewachsen ist, gelebt und geliebt hat. Claire Zachanassian ist steinreich, sie hat von ihrem ersten Ehemann Milliarden geerbt und zig Ehemänner durchgespielt. Mit einer imposanten Gefolgschaft, Ehemann Nummer sieben und einem Sarg taucht sie in Güllen auf. Empfangen wird sie im heruntergekommenen Bahnhof wie eine Königin. Was die Güllener noch nicht wissen: Claire Zachanassian kommt nicht etwa als Wohltäterin nach Güllen zurück, nein, ihr Beweggrund ist ein Rachezug gegen ihren Geliebten aus Jugendjahren. Die alte Dame ist bereit, Güllen eine Milliarde zu schenken – unter der Bedingung, dass sie dafür Gerechtigkeit erhält: Jemand muss Alfred Ill (Stephan Gramlich) töten, der sie damals als schwangere junge Frau sitzen gelassen und seine Vaterschaft für das gemeinsame Kind geleugnet hat. «Eine Milliarde gegen Gerechtigkeit», so ihr Vorschlag, eine Hälfte geht an die Gemeinde, die andere an alle Familien.
Ein Spiel zwischen Humanität, Geld, Macht und Gier
Die Gemeindepräsidentin lehnt das Angebot entrüstet ab. «Im Namen der Menschlichkeit», wie sie sagt. Gerechtigkeit könne man doch nicht kaufen. «Man kann alles kaufen», sagt Claire Zachanassian. Und so beginnt das Spiel. Ein Spiel zwischen Humanität, Geld, Macht und Gier. Was ist der Preis für eine Leiche? Wie teuer ist die menschliche Moral? Ist die alte Dame ein Racheengel oder eine Göttin der Gerechtigkeit? Stefan Camenzind hat die Tragikomödie von Friedrich Dürrenmatt in die Neuzeit adaptiert und mit viel Lokalkolorit und aktuellen Themen versehen. «Durch die örtliche Adaption in den Talkessel mit etlichen lokalen Eigenheiten soll mehr Betroffenheit beim Zuschauer erfolgen», erklärt der Regisseur. Die Umsetzung sollte ausserdem die Grundidee von Dürrenmatt zum Stück als Ziel haben: eine tragische Komödie mit Dorfcharakter, nahe dem Volkstheater.
Betrunkener Lehrer von Renato Küttel stark gespielt
Die Schauspielerinnen und Schauspieler brillieren in ihren Rollen, es spielen einige Bühnenlegenden der vergangenen Jahre, aber auch talentierte Jungschauspielerinnen und -schauspieler sind zu sehen. Hervorzuheben sind Barbara Inderbitzin (Claire Zachanassian) und Stephan Gramlich (Alfred Ill). Barbara Inderbitzin spielt die skrupellose alte Dame mit einer solchen Feinheit und Ästhetik, dass das Grobe der Figur und ihr dreckiges Lachen noch stets majestätisch erscheinen. Und Stephan Gramlich ist einfach eine Wucht. Kraftvoll, voller Inbrunst trägt er Ills Innenleben nach aussen. Seine Angst, seine Verzweiflung sind bis in die hinteren Zuschauerränge spürbar. Aber auch die Gemeindepräsidentin (Jo Reichmuth) und der Metzger (Martin Simeon) stechen in ihrem Spiel speziell hervor. Die Szene des betrunkenen Lehrers ist von Renato Küttel stark gespielt. Andrea Ulrich untermalt mit ihren Akkordeonklängen die Szenen, einmal zart, einmal lieblich, einmal wortwörtlich theatralisch. Die Besucherinnen und Besucher der Bühne 66 dürfen sich auf einen unterhaltsamen, sehr kurzweiligen Abend voller Doppelmoral und Anspielungen auf Schwyz freuen. Die Premierenbesucherinnen und -besucher waren begeistert. Die Bühne feiert ihr 60-jähriges Bestehen. Mit der Premiere in der Kollegi-Aula in Schwyz am Samstag wurden die Jubiläumsfeierlichkeiten eingeläutet.
Bote der Urschweiz / Nicole Auf der Maur
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Bote der Urschweiz
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