Dies & Das
Von Hofnarren, wilden Äbten und dem Boten des Teufels
Die aktuelle Jubiläumsausstellung «500 Jahre Wiederaufblühen» des Klosters Einsiedeln birgt viel Menschliches und skurrile Randnotizen. Ein unterhaltsamer Einblick mit Fakten, die bisher tief im Archiv verborgen geblieben sind.
Die Geschichte des Klosters Einsiedeln im 15. und frühen 16. Jahrhundert ist weitaus abenteuerlicher, als es der fromme Schein vielleicht vermuten lässt. Nachdem wir an dieser Stelle bereits ausführlich über den dramatischen personellen Zerfall, die kirchenrechtlich heikle Einsetzung von Abt Ludwig Blarer durch die Schwyzer und die europäische Dimension dieses Wendepunkts berichtet haben, werfen wir nun einen Blick auf die kleinen Details der Jubiläumsausstellung im Barocksaal der Stiftsbibliothek.
Das silberne Dach, das in Wahrheit fehlte
Ein süddeutscher Abt spottete 1514 in einer Chronik, das Kloster Einsiedeln nehme so viel Spendengeld von Pilgern ein, dass man das Kirchendach mit purem Silber decken könnte. Die Realität sah völlig anders aus: Wegen verheerender Brände in den Vorjahren fehlte das Dach über dem sogenannten Oberen Münster zu dieser Zeit sogar komplett.
Hofnarren auf der Lohnliste
Das schwer leserliche, persönliche Rechnungsbuch des Retter-Abtes Ludwig Blarer aus den Jahren 1527 bis 1533 verzeichnet nicht nur fromme Ausgaben für Orgeln oder Messgewänder. Darin tauchen auch mehrfach ganz profane Zahlungen für die Bezahlung seiner eigenen «Hofnarren » auf.
Der diplomatische Sohn des Abtes
Zölibat hin oder her – das gleiche Rechnungsbuch belegt auch, dass Abt Ludwig Blarer seinen eigenen Sohn Wolfgang regelmässig für diplomatische Aufträge im Dienste des Klosters einsetzte und bezahlte. So begleitete sein Sohn beispielsweise die Delegation zum Papst nach Rom.
Ein Mönch als Grossvater
Von einem neu eingetretenen Mönch namens Pater Bartholomäus Kuster ist historisch fast nichts bekannt, ausser einem pi-kanten Detail. Als er starb, hinterliess er eine Tochter, die zu diesem Zeitpunkt bereits verheiratet und selbst Mutter mehrerer Kinder war.
Kein Geld für den Doktortitel
Pater Wendelin Oswald war eine extrem wichtige Stütze beim Wiederaufbau des Klosters, doch als junger Mann fehlte ihm schlicht das Geld, um die Gebühren für seinen Theologie-Doktortitel zu bezahlen. Er wandte sich 1518 an den päpstlichen Legaten und flehte um Erlassung der Kosten; er durfte den Titel stattdessen durch eine Prüfung vor acht Gelehrten erwerben.
Zwingli meckert auf Latein
Als Huldrych Zwingli in Einsiedeln alte theologische Texte in der Bibliothek abschrieb, ärgerte er sich masslos über die Vorlage. In einem über 900 Jahre alten Römerbrief-Kommentar notierte er auf Latein an den Rand: «Fast alles ist hier fehlerhaft geschrieben, so dass man annehmen darf, der Schreiber sei entweder verrückt oder schläfrig gewesen.» Zwingli als «Bote des Teufels» verunglimpft Nach der Reformation wurde Zwinglis Zeit in Einsiedeln von katholischer Seite extrem polemisch betrachtet. Ein späterer Einsiedler Abt schrieb Ende des 16. Jahrhunderts in einer Biografie über Zwingli, es sei wohl wahr, was man gemeinhin sage: Wohin der Teufel nicht selbst kommen möge, dorthin schicke er eben seinen Boten.
Ein Abt wie ein «wilder Bauer»
Der letzte «alte» Abt vor der Beinahe- Auslöschung des Klosters, der 86-jährige Konrad von Hohenrechberg, entsprach optisch so gar nicht einem from-men Geistlichen. Eine alte Chronik beschreibt ihn als Mann mit langem, rauem Bart, der viel lieber jagen ging und aussah wie ein «wilder grober Bauer».
Gefälschte Droh-Urkunde vom Papst
Im 12. Jahrhundert fälschte das Kloster kurzerhand eine angebliche päpstliche Urkunde aus dem Jahr 964. Ihr Zweck: Den gierigen Nachbarn und Vögten mit dem ewigen Bann und der Verdammnis zu drohen, falls sie dem Kloster Ländereien stehlen oder ihm anderweitig schaden.
Ein arroganter Grafensohn im Gefängnis
Der adelige Johann Baptist von Mosax legte beim Klostereintritt notariell beglaubigt dar, dass er ein legitimer Grafensohn sei. Er fühlte sich dem Abt (der nur ein niederer Edelmann war) derart überlegen, dass er ständig we-gen mangelnder Kleidung und fehlender Zuwendungen stritt. Dem Abt reichte es schliesslich: Er liess den arroganten Mönch kurzerhand inhaftieren.
Abt mit vertraglichem «Rückgaberecht»
Als der neue «Retter-Abt» Ludwig Blarer aus dem florierenden Kloster St. Gallen nach Einsiedeln beordert wurde, sicherte er sich vertraglich geschickt ab. Er liess festschreiben, dass er bei einem Scheitern in Einsiedeln jederzeit nach St. Gallen zurückkehren und dort seine alten Ämter und Rechte wieder aufnehmen dürfe.
15 Mönche in 100 Jahren
Im gesamten 15. Jahrhundert traten nachweislich gerade einmal 15 Männer in das Kloster Einsiedeln ein. Der Grund lag in einem absurden elitären Stolz: Das Kloster nahm vehement nur Adelige auf und liess sich dieses Vorrecht sogar vom Papst bestätigen, was völlig der eigentlichen Benediktsregel widersprach, nach der Sklaven und Freie vor Gott gleich sind.
Zürcher Bürgerrecht für den katholischen Abt
Obwohl es wenige Jahre zuvor in den Kappelerkriegen blutige, erbitterte Glaubenskriege zwischen Reformierten und Katholiken gab, bei denen Zwingli fiel, erhielt der katholische Abt Ludwig Blarer im Jahr 1533 ganz offiziell das Zürcher Bürgerrecht verliehen.
Der Papst verzichtet auf Geld
Als Papst Clemens VII. im Jahr 1533 – nach jahrelanger Verweigerungshaltung – Ludwig Blarer endlich offiziell als Einsiedler Abt bestätigte, verzichtete Rom grosszügigerweise auf die eigentlich üblichen und happigen Ernennungsgebühren. Man hegte wohl die leise Hoffnung, das gerettete Kloster könne eine Schlüsselrolle bei der Rekatholisierung der benachbarten reformierten Gebiete spielen.
Drei Anläufe für das Konzil von Trient
Abt Joachim Eichhorn wurde 1545 zum weltberühmten Konzil von Trient gerufen, weigerte sich aber anfangs mit der Begründung, sein neu aufgebauter Einsiedler Konvent sei noch zu «fragil». Als er 17 Jahre später doch anreiste, wurde er nach wenigen Monaten so schwer krank, dass er wieder abreisen musste. Als er Ende 1563 schliesslich zur feierlichen Unterzeichnung der Schlussakten ein drittes Mal hinreisen wollte, erhielt er unterwegs die Nachricht, das Konzil sei bereits beendet.
Ein Arbeitsvertrag gegen Beichtgeld
Da es im 15. Jahrhundert kaum noch eigene Mönche gab, muss-te das Kloster auswärtige «Leutpriester » anstellen, um die Pilgermassen zu betreuen. In den Arbeitsverträgen – wie jenem von Niklaus Haas von 1450 – musste ausdrücklich festgeschrieben werden, dass diese Priester kein «Beichtgeld» von den Pilgern fordern durften.
Nur zwei Wochen Überschneidung
Der greise 86-jährige Abt Konrad von Hohenrechberg trat formell zugunsten von Ludwig Blarer zurück, nachdem die Schwyzer die-sen von St. Gallen losgelöst hat-ten. Abt Konrad starb daraufhin exakt einen halben Monat nach der unkanonischen Einsetzung seines Nachfolgers.
Abt mit zarten 26 Jahren
Joachim Eichhorn, der als eigentlicher «zweiter Gründer» des Klosters gilt, legte seine Gelübde mit 18 Jahren ab. Schon acht Jahre später, im Alter von nur 26 Jahren, wurde er von den damals lediglich vier Mönchen zum neuen Abt gewählt.
Einsiedler Anzeiger / Lukas Schumacher
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Einsiedler Anzeiger
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