Bühne

Wortakrobatik am Siedepunkt

Slam-Poet Kilian Ziegler war am Mittwochabend mit seinem Programm «99°C» im Schlossturm Pfäffikon zu Gast und brachte zweieinhalb Stunden lang Sprache, Haltung und Humor auf mehr als nur Betriebstemperatur.

Passender hätte die Atmosphäre nicht sein können: Der Aprilabend weckte bereits Sommergefühle, drinnen platzte der Schlossturm aus allen Nähten und es wurde kuschlig warm. Kilian Ziegler, Kleinkünstler mit selbst deklariertem Oltner Bahnhofbüffetdialekt, erschien mit roten Turnschuhen im roten Bühnendekor und startete den Wasserkocher. Es folgte eine Einführung in die Temperaturlehre, prüfungsrelevant: Der hot-te Ryan Gosling, als ein Pol, der Kelte Asterix als der andere. Die heisseste Stelle der Welt: im Mund eines Haifischs (Hai-Zungen), oder im Innern eines Blauwals (Wal-Lungen). 99 Grad, ein einziges vor dem Überkochen, sei das Gefühl, das ihn umtreibe: Klimakatastrophe, Trump, Putin. Als Meister der Improvisation bezog er spontan die draussen läutenden Schafsglocken ein und fragte, ob es wie Weinsommeliers auch «Schafeliers» gebe. Der Unterschied zwischen Pfäffikon und Freienbach wurde zum Running Gag.

 

Im Wilden Westen mit Blasinstrument

Hinter den locker-flockig anmutenden Sprachspielen steckt ein Mensch mit echten Zweifeln. Mit elf teilte Ziegler den Eltern mit, er werde Rockstar. Er spiele Blockflöte, erwiderten sie lapidar. Als Kind wollte er Cowboy sein, Freischaffender mit Lanze, Freelancer. Heute ist er vierzig, kennt seine AHV-Nummer nicht, und die fünfjährige Tochter seines Kollegen versteht mehr von Finanzen: Sie plünderte die Pensionskasse für ein Legohaus. Was das Publikum noch nicht ahnte: 2008 trat Ziegler erstmals vor Logopäden auf. Dem Vortrag davor über selektiven Mutismus lauschte er gebannt, mit wachsendem Wiedererkennungswert. Als Knirps hatte er nur mit dem engsten Kreis gesprochen. Dass es dafür eine klinische Diagnose gab, erfuhr er erst an jenem Abend. Am ersten Schultag habe er dann die Hand aufgestreckt und nie mehr gebremst mit dem Zutexten von Leuten.

 

Multifunktional wie ein Ibacher «Hegel»

Gesellschaftliche Spaltung löse man mit einer Übergangsjacke im Kopf: weniger Missverständnisse, mehr Kompromissverständnisse. Alles habe zwei Seiten, ausser das Wallis, das habe nur ein Sitten. Mit einer kecken PowerPoint-Präsentation, Titelfolie «How to rett the world», empfahl er nicht nur Fahr-, sondern auch «Pinkelgemeinschaften» und verwies auf das Krematorium Rüti, das Altersheime mit Abwärme heize. Kreislaufwirtschaft. Er habe immer ein brodelndes Leben führen wollen, gesteht er zum Schluss. Doch er ha-be gemerkt, dass die Dinge, die ihm teuer sind, gar nicht finanziell wertvoll seien. Das Kostbarste, das er besitze, sei ein Sackmesser, ein Geschenk seines Onkels. Wie dieses Messer ist auch er selbst: ein Hansdampf in allen Gassen. Mal performt er auf Mundart, mal auf Hochdeutsch, plötzlich mit einem französischen Einwurf, und ehe man sich’s versieht, gibt er sogar ein Ständchen. Dann, ganz leise, seine eigentliche Botschaft: Eine Nuance reiche, dass alles kippe. Aus «verheissungsvoll» werde «verheizt», aus «trist» «Trost», aus «verenden» «verändern». Nur ein Grad trenne 99 von 100, aber eben auch von 98. Verloren sei erst, wer aufhöre zu probieren. Seine Grossmutter habe immer gesagt, man solle seinen Namen nie auf Waldtiere schreiben. Nicht rehsignieren. Er scheint nicht nur reden, sondern auch zuhören zu können.

 

Höfner Volksblatt und March-Anzeiger / Micha Brandstetter

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Höfner Volksblatt & March Anzeiger

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  • Bühne

Publiziert am

10.04.2026

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